Von Koray Karaali – 30.06.11 – Kategorien: Allgemein
Es ist eine großartige Vision: Strom aus der Wüste soll die steigende Energienachfrage in Nordafrika befriedigen und zugleich die Energiewende in der EU beschleunigen. Doch damit nicht genug. Desertec könnte zu einem integrations- und geopolitischen Schlüsselprojekt werden, das die Zusammenarbeit im Mittelmeer-Raum voranbringt. Solarstrom, der Wüsten bewässert – ist das reine Zukunftsmusik? Teil 1 der Serie finden Sie unter diesem Link! Hier lesen Sie Teil 2 der DESERTEC – Serie.
Es folgt der 3. und letzte Teil der Serie:
Warum also Wüstenstrom?
Die Antwort ist simpel: Weil das Desertec-Konzept nicht bloß unter energie- und klimapolitischen Aspekten betrachtet werden darf. Desertec muss zwar zunächst technologischen und ökonomischen Fragestellungen standhalten. Die Idee sollte aber zugleich als ein integrations- und geopolitisches Schlüsselprojekt diskutiert werden. Denn das Desertec-Konzept hat das Potenzial zum „Grand Design“, zu einer „Mediterranen Solarunion“ supranationalen Zuschnitts.
Wie seinerzeit die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl als integrationspolitischer Kern des im ökonomischen und politischen Wiederaufbau befindlichen Westeuropas, so könnte heute der grüne Energiesektor als Instrument zur Gestaltung gegenseitiger Abhängigkeiten der Länder diesseits und jenseits des Mittelmeers dienen. Denn auf beiden Seiten wird sich die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaften maßgeblich an der Frage nachhaltiger Energieversorgung entscheiden.
Die Green-Tech-Industrien in der EU und die Wachstumsgesellschaften der MENA-Region können komparative technologische und geografische Vorteile zu gegenseitigem Gewinn nutzen, wenn sie ihre Energiepolitiken miteinander verflechten. Beide Seiten können die damit verbundenen Strukturaufgaben gemeinsam in Angriff nehmen. Hierzu gehören die Öffnung der Strommärkte in der EUMENA-Region, echte Kooperations- und Wettbewerbsstrukturen sowie innovative politische Steuerungsmodelle (z.B. Einspeisegesetz, regionale Fördermaßnahmen, Strukturanpassungsprogramme, Twinning-Modelle etc.).
Zudem können umfassende Wertschöpfungsketten mit lokalen Produktions- und Entwicklungsindustrien aufgebaut und zukunftsfähige Arbeitsplätze geschaffen werden. All das würde unterstützt durch ein intelligentes Netz moderner Finanzierungssysteme – vom Mikrokredit bis zur Konsortiallösung, von ausländischen Direktinvestitionen und Formen der Marktkapitalisierung bis hin zu Mezzanine- und privat-öffentlichen Gemeinschaftsfinanzierungen. In der MENA-Region kann die Einführung von Innovationstechnologien eine Anreizstruktur für breite bildungspolitische Maßnahmen schaffen, und durch verbesserte Bildungssysteme kann die Stellung gesellschaftlicher Randgruppen und Ethnien gestärkt werden.
Außerdem können Wasser- und dadurch Nahrungsmittelknappheit durch den Ausbau solarbetriebener Entsalzungsanlagen überwunden werden. Diese Spill-Over-Effekte verbessern die persönliche Sicherheit und die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten der Menschen in der MENA-Region, wodurch sich der Migrationsdruck auf die EU verringert.
Derart betrachtet, wird Desertec zum Schlüsselprojekt einer umfassenden Nachbarschaftspolitik, zu einer gesamtgesellschaftlichen Gestaltungsaufgabe europäischen Ranges. Die Gelegenheit könnte kaum günstiger sein: Die Umbruchsituation in Nordafrika eröffnet die Chance, innovative Formen zwischengesellschaftlicher Kooperation mit den neuen Kräften in der MENA-Region zu gestalten. Wohlwissend – das belegt der jüngste World Development Report „Conflict, Security, and Development“ der Weltbank ernüchternd deutlich –, dass sich Investitionen in gute Regierungsführung und den Aufbau politischer Institutionen erst nach einer ganzen Generation stabilisierend bemerkbar machen.
Doch die EU hat keine andere Wahl. Denn die drängenden strategischen Themen können nicht weiter auf die lange Bank geschoben werden: sei es die Frage nach wirtschaftlichem Wachstum und politischer Partizipation in den Ländern des Südens, sei es die ungelöste Migrationsproblematik, der Wettlauf um (fossile) Rohstoffe oder das Thema Freihandel. Die Kosten eines „Weiter wie bisher“ wären auf lange Sicht weit höher als für eine neue Politik zur gemeinschaftlichen Ausgestaltung gegenseitiger Abhängigkeiten.
Autoren: Dr. OLIVER GNAD ist Leiter von GIZ AgenZ (Dt. Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) in Berlin. Er gibt seine persönliche Meinung wieder. MARCEL VIËTOR ist zuständig für Energie- und Klimapolitik am Alfred von Oppenheim-Zentrum für Europäische Zukunftsfragen der DGAP. ________________________________________________________________________________________________________________
am 1. Juli 2011 um 11:14 Uhr
Tolles Projekt! Super Beitrag, danke. Die Welt zu revolutionieren ist keine Zukunftsvision, sondern fängt heute an!
am 7. Juli 2011 um 14:34 Uhr
Sehr gut finde ich an dem Desertec-Projekt, dass es endlich mal gelungen ist, verschiedene Interessen unter einen Hut zu bringen. Es ist aus wirtschaftlicher Sicht rentabel und auch aus entwicklungspolitischer Sicht zu empfehlen. Des Weiteren ist Solar-Strom natürlich auch noch sehr umweltfreundlich. Ein klasse Projekt.
am 12. August 2011 um 15:44 Uhr
Das Desertec Projekt ist wirklich interessant. Es sollte von politischer Seite viel mehr in alternative Energien investiert werden. Als Verbraucher kann man aber auch jetzt schon reagieren. Das Zauberwort lautet: Stromanbieterwechsel. Und zwar zu Ökostromanbietern!
am 16. August 2011 um 12:57 Uhr
@Frank: Ich stimme Dir da komplett zu. Investitionen in alternative Energien sollten vorangetrieben werden. Das Desertec Projekt ist da wirklich sehr interessant. Doch aktuell kann man wie du sagst bereits durch Strompreisvergleiche auch günstige Ökostromanbieter finden. Häufig sind diese nicht viel teurer. Gruß Nico