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DESERTEC – Mehr als Wüstenstrom (Teil 1/3)

Von – 28.06.11 – Kategorien: Allgemein

Es ist eine großartige Vision: Strom aus der Wüste soll die steigende Energienachfrage in Nordafrika befriedigen und zugleich die Energiewende in der EU beschleunigen. Doch damit nicht genug. Desertec könnte zu einem integrations- und geopolitischen Schlüsselprojekt werden, das die Zusammenarbeit im Mittelmeer-Raum voranbringt. Solarstrom, der Wüsten bewässert – ist das reine Zukunftsmusik?

Im Gegenteil, das war schon vor gut 100 Jahren möglich, als der deutsch-amerikanische Ingenieur Frank Shuman im ägyptischen Meadi einen Parabol-Rinnen-Kollektor zur Stromversorgung von Bewässerungssystemen installierte. Für den Bau großflächiger Solaranlagen in der Sahara hatte er bereits die Finanzierung gesichert. Doch mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und vor allem mit der Entdeckung ergiebiger, leicht auszubeutender Ölquellen auf der Arabischen Halbinsel wurden diese Pläne beiseite gelegt. Heute, mit dem Ende des „billigen Öls“ und unter dem Eindruck des Klimawandels, könnte die Vision Realität werden: Wüstenstrom soll die steigende Energienachfrage in den Ländern der MENA-Region (Nordafrika und Naher/Mittlerer Osten) befriedigen und zugleich die Energiewende in der EU beschleunigen.

 

Hierfür wurden drei Initiativen ins Leben gerufen:

• Die Desertec Foundation stellte im März 2009 ein Konzept vor, wonach bis zum Jahr 2050 die Hälfte des weltweiten Strombedarfs durch regenerative Energiequellen gedeckt werden könnte – vor allem durch den Bau solarthermischer Anlagen in Wüstenregionen. Dieses Konzept schließt an die Solarstrom- Initiative „Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation“ (TREC) des Club of Rome sowie an die Grundlagenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt an.

• Fast zeitgleich machte sich die im Juli 2008 neu gegründete zwischenstaatliche Union für das Mittelmeer (UfM) die TREC-Vision zu eigen und lancierte sie unter dem Namen „Mittelmeer-Solarplan“ (MSP) als erstes Pilotprojekt einer zukunftsweisenden Mittelmeer-Kooperation. Damit sollte dem erlahmten Barcelona-Prozess neues Leben eingehaucht und zugleich ein neues Kapitel europäischer Energiepolitik aufgeschlagen werden. Doch seit dem Gaza-Krieg (2008/09) verweigern zahlreiche arabische Staaten die Zusammenarbeit mit Israel, das ebenfalls Mitglied der UfM ist. Seitdem liegt die UfM brach, der MSP dümpelt vor sich hin.

• Im Juli 2009 formierte sich schließlich die Desertec Industrial Initiative (Dii) – ein von deutschen Firmen dominiertes Industriekonsortium. Es sondiert Möglichkeiten und Grenzen der technischen Machbarkeit des Desertec-Konzepts in Nordafrika. Auch in Frankreich und Spanien haben sich Unternehmenszusammenschlüsse zu diesem Zweck gegründet. Solche Initiativen sind längst überfällig, denn die EU – insbesondere Deutschland – will langfristig einen erheblichen Anteil des Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen decken, wobei sich vor allem Importe aus sonnenreichen Nachbarregionen wie dem Maghreb anbieten.

 

„Machbarkeit“ ist momentan das Schlüsselwort, und es scheint allein darum zu gehen, möglichst rasch Solarkraftwerke, Photovoltaik- und Windkraftanlagen in Nordafrika bzw. erste leistungsfähige Hochspannungsgleichstrom-Übertragungsleitungen (HGÜ) in die EU zu bauen. Das geschieht erstaunlich schnell. Projekte wie der 200-Megawatt-Windpark El-Zayt am Roten Meer (mit Hilfe der KfW-Entwicklungsbank finanziert) oder das 500-Megawatt-Solarprojekt in Ain-Ben-Mathar in Marokko des Dii-Shareholders Abengoa Solar zeigen: Der erste Wüstenstrom aus erneuerbaren Energien wird schon bald zur Stromversorgung vor Ort genutzt werden und in absehbarer Zeit auch in die EU fließen können.

Hierfür gibt es bereits transmediterrane HGÜ, und das Netz wird unter der Ägide des französisch dominierten Konsortiums Medgrid schon bald ausgeweitet. Doch ungeachtet dieser beachtlichen infrastrukturellen Fortschritte ist Desertec noch lange nicht „anschlussfähig“. Was fehlt, sind die technischen Voraussetzungen, vor allem aber die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Lesen Sie hier Teil 2 der Serie ‘DESERTEC – Mehr als Wüsenstrom!’

Autoren:

Dr. OLIVER GNAD ist Leiter von GIZ AgenZ (Dt. Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) in Berlin. Er gibt seine persönliche Meinung wieder.
MARCEL VIËTOR ist zuständig für Energie- und Klimapolitik am Alfred von Oppenheim-Zentrum für Europäische Zukunftsfragen der DGAP.
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