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Das Dilemma der Baubranche mit dem Nachwuchs

Von – 24.01.11 – Kategorien: Bau

Es ist schon ein Kreuz. Allerdings steht die Bauindustrie ja auch nicht alleine mit ihm da. Auch in anderen Branchen fehlt der qualifizierte Nachwuchs. Aber die bei der Jahresauftaktpressekonferenz vom Hauptverband der Deutschen Bauindustrie vorgelegten Zahlen sind schon alarmierend und werfen so manche Frage auf.

Dies sind die Fakten:

  • Im Durchschnitt des Jahres 2010 ist die Zahl der Arbeitslosen mit bauhauptgewerblichen Berufen um 15,3 % auf 110.000 gesunken.
  • Noch enger ist die Situation auf dem Arbeitsmarkt für Bauingenieure: Im gesamten Bundesgebiet gab es im Durchschnitt des Jahres nur noch 3.500 arbeitslose Bauingenieure; das sind 11,8 % weniger als noch 2009.
  • Gleichzeitig steigt die Zahl der offenen Stellen für Bauingenieure, aber auch für Bauarbeiter seit einigen Monaten an.

2010 hat sich das Beschäftigungsniveau im deutschen Bauhauptgewerbe sogar leicht erhöht – trotz Umsatzrückgang. Zwar habe dies nach Ansicht von Herbert Bodner, Präsident des Hauptverbands, sicherlich auch mit der Kurzarbeitergeldregelung zu tun, doch ist diese Entwicklung für die Branche nichts neues. Seit 2006 hält sich die Zahl mit leichten Schwankungen nach oben und unten eigentlich konstant. Der Anteil der Erwerbsfähigen und der Arbeitslosen nimmt hingegen konstant ab.

Woran scheitert es, junge Menschen für den Bauingenieurberuf zu begeistern?

  • Die Branche gilt als altbacken und schwerfällig. Das ändert auch nicht die Tatsache, dass mit modernster Technik gearbeitet wird.
  • Die Arbeit ist Projektarbeit. Dies ist kein Nachteil. Doch wenn damit das wochenlange unterwegs sein verbunden ist, dann wirkt das abschreckend, entspricht nicht mehr den Work-Life-Balance-Vorstellungen der Menschen, die heute vor der Studienwahl stehen. Erst langsam beginnt hier bei den Unternehmen ein Umdenken Angebote zu entwickeln, die auf die Bedürfnisse eingehen.
  • Die Arbeit wird mit Stress und langen Arbeitstagen verbunden.
  • Es sind vor allem die Negativ-Schlagzeilen, die die große Runde machen, etwa das Kölner U-Bahn-Projekt oder die in Gesellschaft und Politik geführte Diskussion um Stuttgart 21. Mit renommierten Großprojekten glänzt eher das Ausland. Und das, obwohl an diesen Bau-Highlights so gut wie immer deutsche Unternehmen beteiligt sind.
  • Die Branchenzahlen machen nicht unbedingt Mut. Auf dem Tag der Deutschen Bauindustrie 2010 sagte ein Redner: “Eine ganze Generation von Führungskräften kennt inzwischen nur den Abschwung.” Vor einem solchen Hintergrund ist es natürlich schwierig, dem Beruf Attraktivität einzuhauchen.

Welche Auswege aus dem Problem mit dem Nachwuchs gibt es?
Es klingt nur wenig optimistisch, wenn Bodner meint, dass  das Auslaufen der Übergangsfristen für die Freizügigkeit von Arbeitnehmern und die Entsendung von Arbeitskräften aus acht MOE-Staaten zum 1. Mai 2011 auch die Chance beinhalte, Nachwuchskräfte für deutsche Unternehmen zu gewinnen falls der Arbeitskräftebedarf aus eigenem Nachwuchs nicht mehr gedeckt werden könne.

Dabei sehen unsere Nachbarländer Deutschland schon längst nicht mehr als erste Wahl für ihren Broterwerb. Auch dort steigen die Gehälter, so dass sich der Weg in Richtung Westen nicht unbedingt lohnt.

Es müssen dann also andere Wege gefunden werden, qualifizierten Nachwuchs zu finden. Der Hauptverband hat dazu schon einige Projekte ins Leben gerufen, etwa 24h Bauingenieur, Der Bauingenieur – Beruf mit Zukunft und Wir wollen Dich!. Neben der Internetansprache gibt es noch Printpublikationen. Und auch die Bauunternehmen selbst sind nach Aussage des Verbands verstärkt in Schulen und Universitäten unterwegs.

Ein Moment, sich mal die Karriereseiten der fünf größten Bauunternehmen, die sich nun gerne auch als Baudienstleister bezeichnen, anzusehen.

(Noch-)Branchenprimus Hochtief informiert detailliert über die Einstiegsmöglichkeiten für die unterschiedlichsten Zielgruppen. Daten und Termine werden aufgeführt, wo und wie man mit dem Unternehmen in Verbindung treten kann. Über eine Jobbörse kann direkt nach offenen Stellen gesucht werden. Außerdem kann man sein Kompetenzprofil hinterlegen. Unter dem Punkt “Häufige Fragen” werden unterschiedlichste Fragen zum Bewerbungsvorgang beantwortet.

Ähnlich sehen die Angebote von Bilfinger Berger, Strabag Köln, Ed. Züblin und Max Bögl aus – fast alle sehr detailliert, übersichtlich und ansehnlich. Nur der Strabag-Auftritt könnte noch mit einigen mehr Informationen versehen werden.

Bei Twitter und Facebook ist allein Max Bögl mit speziellen Karriereseiten (boeglblut.de) unterwegs, wobei bei ersterem schon einige Zeit nichts mehr passiert ist. Man nutzte den Kurznachrichtendienst bisher vor allem dazu, um auf Youtube-Videos hinzuweisen. Angebote der anderen Baudienstleister konnte ich auf diesen Kanälen nicht finden.

Social Media-Dienste sind sicherlich nicht das Allheilmittel, doch könnten diese Formen und Wege der Ansprache noch genutzt, gestartet und ausgebaut werden.

Schon etwas anders sieht die Aufmachung und Eigenpräsentation bei einigen der etwas kleineren Bauunternehmen aus. Und aus denen besteht die Branche ja zum großen Teil. Natürlich gibt es auch unter ihnen einige Firmen, die sehr vorbildlich auf Personalsuche gehen, andere könnten – insofern sie überhaupt Personal benötigen – noch einiges in die Bereiche investieren.

Folgende Fragen müssen beantwortet werden:

  • Wie schafft man es, dass sich mehr junge Menschen für ein Bauingenieurstudium entscheiden?
  • Wie gelingt es, diejenigen, die sich dafür entschieden haben, auch zum Abschluss zu führen und die Abbrecherquote zu verringern?
  • Wie kann der Branche ein lebendigeres, ein sexy Image verliehen werden?
  • Was können und was müssen die Unternehmen tun, um diesen Weg zu unterstützen?
  • Wie kann die Projektarbeit durch Veränderungen der internen Prozesse angepasst werden, damit sie den Bedürfnisse der heutigen Zeit entsprechen?
  • Wie kann den jungen Menschen vermittelt werden, dass trotz rückläufiger Umsätze Jahr für Jahr Personal benötigt wird, dass es Aufstiegschancen in einer zukunftssicheren Branche gibt?

Nachtrag am 21.01.2011:
Wie die Immobilien Zeitung berichtet, hat eine aktuelle Auswertung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI), einer Forschungsabteilung der Hans-Böckler-Stiftung, ergeben, dass Bauingenieure die Geringverdiener unter den Ingenieuren sind – trotz ihrer enormen Verantwortung. So verdienen Bauingenieure im Schnitt 1.127 Euro monatlich weniger als etwa Elektronik- und Fernmeldeingenieure. Ein weiterer möglicher Grund für die “Unattraktivität” des Berufs.
Die vollständige Studie ist in der Ausgabe 1/2011 der WSI-Mitteilungen erschienen.

Dieser Text erschien erstmals bei b4shot.de.
Bildnachweis: Rainer Sturm / pixelio.de


Kommentare

jan oldenburger

am 14. März 2011 um 11:45 Uhr

Anstatt ein leidlich effektives Rühren der Werbetrommel wäre ein Signal über angemessene Einstiegsmodalitäten (Gehalt, Arbeitszeit, Vertragsgestaltung) sicherlich ein Signal, welches auch Studienbeginner vom Beruf des Bauingenieurs überzeugen könnte.

Bauigel

am 14. April 2011 um 23:20 Uhr

Meines Erachtens ist die durchschnittliche Bezahlung der Bauingenieure einfach zu schlecht. Wenn man sich die Durchschnittsgehälter in anderen Ingenieursparten oder Berufsgruppen ansieht muss ich sagen, dass es lohnendere Studiengänge gibt, bei denen das Verhältnis zwischen Gehalt und Verantwortung deutlich ausgewogener ist.

Ralf Golinski

am 15. April 2011 um 02:35 Uhr

Ja und?
“Leidenscchaft” oder/und bessere Bezahlung!
Jeder hat doch die freie Wahl!
Worauf wollen Sie hinaus?
RG

Christoph Berger

am 15. April 2011 um 10:07 Uhr

Mein Endruck ist schon, dass sich viele, die auf dem Sprung ins Studium stehen, Gedanken darüber machen, was mit dem Studienabschluss später noch möglich ist. Eine Studium ohne Leidenschaft ist natürlich nicht die beste oder richtige Voraussetzung. Doch wenn eine hohe Affinität zur Technik im Allgemeinen vorhanden ist und unterschiedliche Ingenieurberufe zur Auswahl stehen, wird ein Kriterium – natürlich nicht das einzige – die spätere Verdienstmöglichkeit im Beruf sein. Zumal, wie Bauigel anmerkt, die Verantwortung eines Bauingenieurs schon immens sein kann – mit weitreichenden Folgen. Andererseits liegt genau in dieser Verantwortung auch wieder der Reiz des Berufs. Man kommt schnell in Verantwortung, kann sich schnell beweisen und somit seine Expertise ausbauen. Und: Gerade bei deutschen Unternehmen ist die Möglichkeit sicherlich groß, auch bei internationalen Bauprojekten mitzuwirken. Zu bedenken ist auch: Es sind ja nicht nur die Unternehmen der Baubranche, die Absolventen des Bauingenieurwesens Jobs bieten, so dass es beim späteren Gehalt sicherlich auch auf Studienschwerpunkte und die spätere Branche ankommt, für die sich jeder einzelne entscheidet.


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