Von Christoph Berger – 24.05.12 – Kategorien: Bau
Ende April hat der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB) eine Plattform für Unternehmerinnen ins Leben gerufen. “Wir wollen mit dieser Initiative auch zeigen, welche hervorragenden unternehmerischen Perspektiven das deutsche Baugewerbe jungen Frauen bietet. Bereits jetzt hat das Baugewerbe – das gemeinhin als Männerdomäne gilt – auch viele hervorragende Unternehmerinnen in seinen Reihen“, sagte der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Baugewerbes, Dr. Hans-Hartwig Loewenstein, zum Start der neuen Plattform.
Sprecherin der Unternehmerinnen ist die 54-jährige Margit Dietz aus Hessen. Die Diplom-Volkswirtin ist Geschäftsführerin der Jean-Bratengeier Bau GmbH in Dreieich bei Frankfurt/M. Sie ist Chefin von rund 200 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die überwiegend im Straßen- und Tiefbau tätig sind. Ich konnte mit ihr ein E-Mail-Interview führen und fragte sie nach der Rolle von Frauen im Baugewerbe und den Zielen der neuen Plattform. Hier sind ihre Antworten:
Frau Dietz, weshalb ist es wichtig, Frauen eine eigene Plattform im ZDB zu geben? Das deutsche Baugewerbe ist über 100 Jahre alt, wieso starten sie mit dieser Initiative gerade jetzt?
Es stimmt, dass unser Verband über 100 Jahre alt ist und dass man diese Initiative auch schon viel früher hätte ergreifen können. Ich sage Ihnen: Besser spät als nie. Der ZDB will damit auch die Vielfalt seiner von ihm repräsentierten Firmen darstellen und dem deutschen Baugewerbe neben den offiziellen Repräsentanten ein Gesicht geben.
Welche Perspektiven bietet die Branchen Frauen?
Die Branche bietet interessierten Frauen sowohl im technischen wie kaufmännischen Bereich ein spannendes und abwechslungsreiches Aufgabengebiet mit guten Aufstiegschancen, denn qualifizierte Fachkräfte sind heute schon gefragt. Der Fachkräftemangel dürfte in den kommenden Jahren die Perspektive für Frauen am Bau weiter verbessern.
In Ihrem Eröffnungsstatement sagten Sie u.a.: “Wir wollen uns über die besondere Situation von Frauen auf dem Bau austauschen.” Worin sehen Sie die besondere Situation für Frauen?
Mehr noch als in anderen Branchen ist das Bild des Bauunternehmens männlich geprägt. Frauen haben noch den Exotenfaktor, auch wenn einige sehr erfolgreich in den Handwerkskammern und Innungen mitgestalten. Es fehlt an der regional übergreifenden Vernetzung und den Austauschmöglichkeiten mit anderen Frauen in den gleichen Positionen. Akzeptanz und Durchsetzungskraft bei Mitarbeitern und Geschäftspartnern können so weiter gestärkt werden.
Sie sprachen auch von politischen Fragen, “die speziell uns Unternehmerinnen betreffen”. Auf welche Themen spielen Sie dabei an?
Grundsätzlich betreffen uns alle die Themen, die auch die männlichen Kollegen angehen, gleichermaßen. Darüber hinaus liegen uns Themen, wie z.B. die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die politisch ja immer noch nicht gelöst ist, besonders am Herzen. Des Weiteren sind es Fragen, die die Unternehmensführung oder den Umgang mit Mitarbeitern betreffen.
Was halten Sie von der diskutierten Quote?
Hier müssen wir schon unterscheiden, ob wir über die Quote von Frauen in der Führungsebene von großen Unternehmen bzw. Konzernen sprechen oder vom Mittelstand. Da viele Unternehmerinnen als Gesellschafterinnen und Inhaberinnen in den mittelständischen Betrieben verwurzelt sind, glaube ich nicht, dass eine Quotierung branchenweit bezogen auf den Mittelstand überhaupt Sinn macht. Es geht vielmehr darum, die Baubranche für Frauen insgesamt attraktiver zu machen; wenn sich so der Anteil der Unternehmerinnen erhöht, freut uns das sehr. Im gewerblichen Bereich halten wir eine vorgeschriebene Quote für nicht hilfreich, da körperliche Arbeit, Arbeit im Freien auch unter widrigen Bedingungen, verbunden mit Schmutz, Lärm und Dreck nicht von allen Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen geleistet werden kann. Aber auch hier wollen wir weg von den klassischen Rollenbildern und den Frauen, die sich für diese Berufe interessieren eine gute Ausbildung ermöglichen. Beispiele in den eigenen Reihen zeigen, dass es möglich ist ,und machen Mut.
Die Arbeit in der Baubranche ist zu großem Teil auch Projektgeschäft, das z.T. kaum zeitliche Flexibilität zulässt. Welche Angebote machen die Unternehmen Frauen vor diesem Hintergrund, die sich doch immer auch mit der Doppelbelastung Beruf-Familie konfrontiert sehen?
Wir sind Familienunternehmen, im besten Wortsinne. D.h. wir nehmen die Verantwortung für unsere Beschäftigten ernst und versuchen auf die Bedürfnisse von Arbeitnehmerinnen einzugehen. Das mag nicht in jedem Einzelfall gelingen, aber größtenteils schon; denn viele Arbeitszeitmodelle sind bei uns möglich. Eine Kollegin erzählte bei dem Treffen, dass in ihrem Unternehmen die Kinder einfach miterzogen würden, da es bei ihnen (auf dem Land) ganz selbstverständlich sei, dass diese nach der Schule in die Firma kämen.
Noch gilt die Branche gemeinhin als Männerdomäne. Welchen Rat möchten Sie Frauen vor diesem Hintergrund mit auf den Weg geben?
Wir können jungen Frauen, die sich für einen Bauberuf interessieren, nur raten, sich nicht abschrecken zu lassen und ihren Weg zu gehen. Auch am Bau gilt: Wer qualifiziert ist und gute Leistungen bringt, dem gehört die Zukunft, und zwar unabhängig vom Geschlecht.
Und was ist Ihr Rat an die Männer in diesem Zusammenhang?
Freuen Sie sich auf die Zusammenarbeit und stehen Sie den Frauen als Kolleginnen und Geschäftspartnerinnen positiv und aufgeschlossen gegenüber.
Frau Dietz, vielen Dank für Ihre Antworten!
am 25. Mai 2012 um 09:17 Uhr
Fehlt es wirklich an den Vernetzungs- und Ausstauschmöglichkeiten – oder nehmen Frauen diese oft leider einfach nicht wahr?