Von Elke Tonscheidt – 01.06.12 – Kategorien: Bau
Kennen Sie das letzte große Abenteuer des modernen Mannes? Wenn ja, dann haben Sie vermutlich ein selbst gebautes Dach über dem Kopf. Oder auch schon einen Dachschaden. Wie man ein Haus baut, ohne den Verstand zu verlieren, darüber berichtet Matthias Kalle in einem heiteren Buch mit ernstem Thema. Schon der Titel verrät: “Normal hält das: vom Hausbau und anderen Katastrophen”.
Auf 206 Seiten beschreibt der stellvertretende Chefredakteur des ZEITmagazins den heftigen Wahnsinn und das große Glück, sich seine vier – meist sind es eher vierzig oder mehr Wände – selbst zu schaffen. Inklusive Stauraum, ganz wichtig. So wichtig wie der Garten, dessen Bau erst anfängt wenn man endlich “drin” ist. Der ebenfalls als Loch beginnt und sicher nicht nur Kalle dazu verleitet, gleich fünf Gartenbücher zu kaufen. Wichtig auch: das richtige Licht. “Wenn man Newsletter zum Thema ‘Licht im Wohnraum’ aufmerksam liest, muss man zu dem Schluss kommen, dass in jeden Raum mindestens fünf Lichtquellen müssen – sind es weniger, wird das Leben sinnlos.”
Ironisch, manchmal auch ein wenig bissig, aber niemals bösartig, schaut Kalle zurück. Er klärt auf, warum selbst große, schöne und lichtdurchflutete Mietwohnungen, in denen man glücklich lebte, zum Problem werden. Er beschreibt, wie man sich zum Hausbau durchringt und seine Frau – irgendwann – überzeugt, oder wie Bauleiter, Architekten, Banken, Küchenhersteller, Tischler und andere am Hausbau Beteiligte ticken. Kalle nimmt den Leser zu dem Moment mit, in dem die Zeichnungen er Grundrisse vertauscht werden, und auch als sich, dann schon dramatischer, ein Loch ins Dach einschleicht und Bauleiter Karl Töhlke, “ein Name wie Donnerhall”, erklärt: “Wir stehen ein wenig unter Zeitdruck, wissen Sie? Der Bauträger drängt, die Käufer drängen. Vielleicht haben wir deshalb ein wenig, wie soll ich mich ausdrücken?, unsauber gearbeitet hier und da. Vielleicht haben wie ihr Dach nicht mit der nötigen Sorgfalt behandelt.”
Die Thesen des Journalisten und Bauherrn sind nicht überraschend. Auch wenn man noch kein Haus gebaut hat, ist bekannt: “Wer eine Wohnung mietet, lebt mit Kompromissen – wer ein Haus baut, will keine Kompromisse mehr eingehen.” Wer die Branche kennt, kennt auch die Architekten, die sich in einen Rausch zeichnen und weiß, dass der Hausbau “eine furchtbar humorlose Angelegenheit” und eine Baustelle “keine Witzebude” ist. Das liegt vor allem an den Bauleitern, die Kalle besonders ans Herz gewachsen sind: “Bauleiter sind in der Regel kompetente, praktische Männer, die nichts aus der Ruhe bringen kann. (…) Bauleiter würden Häuser am liebsten durchfliesen. Ein guter Bauleiter brilliert und verblüfft mit folgender Aussage: ‘Das können wir alles gerne genau so machen.’ Pause. ‘Aber wenn Sie mich fragen, dann würde ich das lieber lassen.’”
Ein Hausbau bringt einen Bauherrn “an die Ränder seiner Möglichkeiten, an die Grenzen der zivilisierten Welt.“ Ein Hausbau lehrt Dinge, “von denen man nicht mal ahnen konnte, dass es sie gibt.” Die, die schon einmal gebaut haben, werden nicken. Kennt man leider nur zu gut. Aber auch diejenigen, die sich nicht von ihrer Mietwohnung abschrecken lassen, haben ihren Spaß am Buch. Weil Kalle leichthändig und spritzig schreibt, dabei auch sich selbst nicht verschont. Nach einer harten Auseinandersetzung mit Bauleiter Töhlke notiert er: “Nicht du veränderst das Haus, es verändert dich, es macht dich zu einem bösen Menschen. Als ich zurück im Büro bin, lobe ich jeden, dem ich begegne.”
Die Art und Weise, wie Kalle sein Berliner Townhouse mit dem Leser nachbaut und wie er sich dabei selbst immer wieder in Frage stellt, ist tatsächlich – so eine Kritik – “hinreißend komisch”. Man fühlt mit wenn der Bauherr nach all den Wirren und Anstrengungen endlich zu Hause angekommen ist, aber vor lauter Optimierungswahn (“Ein Haus wird niemals fertig.”) keine Ruhe finden kann. Er eilt vom Baumarkt zum Gartencenter; müht sich mit Schrauben und Dübeln ab; und verdeutlicht zwischendurch immer wieder seinem besten Freund abends beim Bier die verwickelten Einzelheiten seines Hausbaus. Solange, bis dieser fassungslos fragt: “Was ist denn das bitte für eine vollkommen bescheuerte Geschichte?”
Vieles wäre noch zu zitieren: Lustiges, Rührendes, Verhängnisvolles. Häufig lacht man laut auf, fühlt sich in seiner eigenen Denke ertappt und fragt sich am Ende: Würde ich selbst bauen? Interessanterweise liefert Kalle darauf keine eindeutige Antwort. Warum auch? Am Ende lässt er seine Frau von einem “richtigen” Haus am Meer träumen und weiß, “dass wir auch das hinkriegen werden.”
Hingekriegt hat Kalle zumindest jetzt schon ein amüsantes Buch, das man gerne an einem lauen Sommerabend (der Rohbau sollte zum Herbst stehen) auf seinem gemieteten Balkon liest. Da stellt man fest, dass man als Häuslebauer nicht alleine ist. Oder aber man erfreut sich schlicht daran, von welchen Katastrophen man verschont bleiben kann, wenn man nicht baut.
Lesen Sie hier das Interview mit Matthias Kalle ->
Matthias Kalle:
Normal hält das: Vom Hausbau und anderen Katastrophen
Ullstein extra, 2012.
ISBN: 978-3864930041, 14,99 Euro.
am 2. Juni 2012 um 13:07 Uhr
Also gehört “ein Haus bauen” immer noch zu den Abenteuern, die man einmal im Leben gemacht haben sollte. Oder “kaufen” – das ist auch nicht viel anders. Wenigstens nicht, wenn man was “Älteres” kauft – da geht es anschließend mit der Renovierung weiter. Zum Glück ziehen große Abenteuer auch immer große Belohnungen nach sich: Wenn man es geschafft hat, dann hat mein eine Erinnerung fürs Leben.