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Kongress Innovative Gebäudetechnik

Von – 26.11.10 – Kategorien: Events

Am Nachmittag gab es plötzlich eine etwas abstruse Situation. Dr.-Ing. M. Norbert Fisch, Professor und Leiter des Instituts für Gebäude- und Solartechnik IGS an der TU Braunschweig und CEO der EGS-plan, fragte in seinem Vortrag “Energieoptimiertes Bauen – Architektur und Technik in Harmonie” das Publikum: “Und: Wie hoch ist der Energieverbrauch in ihren Unternehmen?”

Stille. – Keine Antwort. Und das beim Kongress “Innovative Gebäudetechnik 2010 Motor für Wachstum und Beschäftigung” im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS), der am 16. und 17. November zum ersten Mal in Berlin standfand und bei dem zirka 260 Teilnehmer im Plenum saßen. Darunter das Who-is-Who der deutschen Gebäudetechnik-Branche. “Bei mir im Unternehmen hängen überall Zähler, jeder kann sehen, wie hoch der aktuelle Energieverbrauch ist”, fuhr Fisch in seinem Vortrag fort. Darin stellte er seine Sicht der Situation dar, die nicht immer mit der seiner Vorredner konform ging.

125.000 Unternehmen zählt die Gebäudetechnik-Branche, sie beschäftigt eine Million Mitarbeiter und setzt etwa 60 Milliarden Euro im Jahr um. Ministerialdirigent Dr. Rüdiger Kratzenberg vom BMVBS und Leiter der Unterabteilung Bauwesen und Bauwirtschaft hob in seiner Begrüßung die inzwischen erlangte Bedeutung der Branche hervor und sagte, dass die Ausgaben in Gebäudetechnik in normalen Gebäuden einen Anteil von 30 Prozent der Gesamtkosten betragen, im Bund sogar bis zu 40.

Der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesbauminister, Jan Mücke, sagte später: “Mit einem Umsatz von mehr als 50 Milliarden Euro im Jahr trägt die Gebäudetechnik einen erheblichen Teil zur Bruttowertschöpfung im Gebäudebereich bei. Die Wertschöpfung der Gebäudetechnik hat inzwischen die Größenordnung des gesamten Rohbaus erreicht. Wir müssen die Potentiale effizienter Gebäudetechnik ausschöpfen. Nur so können die enormen Energie- und CO2-Einsparmöglichkeiten im Gebäudebereich voll genutzt werden. Die Branche hat in den vergangenen Jahren mit neuen und innovativen Produktideen den Grundstein dafür geschaffen.”

Mücke wies, wie fast alle anderen Redner auch, darauf hin, dass das frühzeitige und enge Zusammenspiel von Technikern, Architekten, Fachplanern und Handwerkern wichtige Voraussetzung für richtungweisende technische Lösungen sei. Die entscheidende Hebelwirkung bezüglich Energieverbrauch und Klimabelastung werde in einer frühen Entwurfsphase erreicht.

Die Technik ist da, allerdings muss sie genutzt werden und in die Gesellschaft hinausgetragen werden. Deutschland hat dabei vor allem ein Marketingdefizit. Johannes Milde, CEO von Siemens Building Technologies, forderte: “Wir müssen Energielabel schaffen, um unsere Kompetenz richtig zu vermarkten.” Deutschland bräuchte Benchmarks und Messsysteme, die über den Verbrauch von Energie informieren. Die Amerikaner seien da marketingtechnisch führend, hätten aber eine lausige Technik. In Deutschland sei es genau umgekehrt. Auch Klaus Jesse, Präsident des Bundesindustrieverbandes Deutschland Haus-, Energie- und Umwelttechnik, unterstrich: “Effiziente Technik kommt aus Deutschland.”

Prof. Dr.-Ing. Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, mahnte die Unternehmen jedoch an, mehr Geld in Forschung und Entwicklung (F&E) zu stecken. Momentan würden gerade mal 0,1 Prozent des Umsatzes in den Bereich F&E im Bauwesen gesteckt. Dabei herrsche ein hoher Innovationsdruck, damit die Unternehmen im globalen Wettbewerb bestehen könnten.

Bullinger appellierte außerdem an die Teilnehmer, Häuser ähnlich wie Autos zu bauen. Die Lifecycle-Betrachtung müsse noch stärker in den Fokus der Arbeit rücken, damit steige die Effizienz und Qualität. Für ihn beinhaltet das Gebäude der Zukunft folgende Attribute: Es ist flexibel gegenüber unterschiedlichster Nutzung, ist ressourcenschonend gebaut, besteht aus reycelten Werkstoffen und ist selbst recyclebar, weißt ein hohes Maß an Qualität und Präzision auf, ist ein energieautarker Selbstversorger, ist flexibel erweiter- und umrüstbar und hat intelligente Belüftungs- und Beleuchtungssysteme.

Im Rahmen seines Vortrags stellte Bullinger die beiden Fraunhofer inHaus-Entwürfe vor. Dabei kamen unter anderem ein virtueller Entwurf inklusive Baustellendesign, die intelligente Baustelle, also die Qualitätsoptimierung im Bauprozess durch den Einsatz von IT und Elektronik, ein Smart-Home-Control-System mit TV, ein Energiecockpit Smart Metering, neue und aktive Materialien sowie innovative Heizsysteme zum Einsatz.

Doch es geht nicht nur um den Neubau. Viele Redner stellten die enormen Herausforderungen bei den Bestandsimmobilien heraus. So sind nach Aussage von Klaus Jesse 77 Prozent des Heizungsbestands in Deutschland noch unzureichend effizient (nach einer Erhebung des Schornsteinfegerhandwerks für 2008), darunter viele Privathaushalte. Nur 10 Prozent sind effizient und nur 13 Prozent effizient und an erneuerbare Technologien gekoppelt.

Ein Rechenbeispiel: Geht man von 7 Cent/Liter Öl und Kubikmeter, 17 Cent/kWh Sondertarif und 230 Euro/Tonne Pellet aus, so sind die Energiekosten in einem typischen Bestandsgebäude (Einfamilienhaus, Baujahr 1965, 150 Quadratmeter) am niedrigsten mit einer Sole/Wasser- Wärmepumpe (Energieträger Strom). Am höchsten sind die Kosten mit einem Standardkessel für Öl oder Gas. Die Differenz zwischen den beiden Varianten beträgt 1770 Euro im Jahr.

Die Primärenergieverbräuche im typischen Bestandsgebäude liegen am niedrigsten mit einem Pelletkessel (44 KWh pro Quadratmeter und Jahr). Auch hier ist der Standardkessel mit 400 KWh am uneffektivsten. Jesse zeigt mit einer Kosten-Nutzen-Relation Heizung/Dämmung auf, dass die Investitionskosten, um ein Kilogramm Co2 pro Jahr einzusparen bei der Heizung bei 1,6 Euro, bei der Dämmung bei 9,11 Euro und bei Heizung und Dämmung bei 4,18 Euro liegen.

Innovationen für die Zukunft sieht Jesse in Blockheizkraftwerken, Biomassekesseln, Mikro-Kraft-Wärme-Kopplern, der Solarthermie und Wärmepumpen.

41 Prozent des Weltenergieverbrauchs geht nach der International Energy Association zu Lasten von Gebäuden. 80 Prozent fallen dabei während der Nutzungsphase und dem Rückbau an. Gebäudetechnik kann vor diesem Hintergrund enorm zu einer Verminderung des CO2-Ausstoßes und zu einer Reduzierung des Energieverbrauchs und der Energiekosten beitragen. Johannes Milde sieht die Hebel dazu bei der Forcierung einer (Teil-)Renovierung des Gebäudebestands, in einem verbesserten Nutzerverhalten, bei Neubauten und Renovation sowie bei Standardisierung und Normung.

Und was sah Norbert Fisch nun anders als seine Vorredner?
Für Fisch ist das Haus der Zukunft das Stromhaus. Er geht davon aus: Wer heute beim Hausbau noch auf Gas oder Öl setzt, wird vielleicht noch erleben, dass ihm der Brennstoff ausgeht. Außerdem gebe es Dinge wie zum Beispiel Stromlastmanagement und E-Mobilität längst, Dinge, die andere Redner als die Zukunft vorstellten. Solarthermie bezeichnete Fisch als eine Übergangstechnologie. Das ganz große Ding werde die Wärmepumpe.

Sämtliche Vortragsunterlagen der Referenten sind auch über die Kongressseite Innovative Gebäudetechnik 2010 abrufbar.
Bildnachweis: Cisco Ripac / pixelio.de


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