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Ruf nach mehr Transparenz

Von – 13.04.10 – Kategorien: IT,Nachhaltigkeit

Die ICE-Trasse zwischen Nürnberg und München, der Bau der Wehrhahn-Linie in Düsseldorf und schließlich das Desaster des eingestürzten Stadtarchivs in Köln: Kosten für den Steuerzahler von mehreren Milliarden Euro, unwiderruflich zerstörte Kunstschätze und – der Verlust von zwei Menschenleben. Die jüngsten Skandale in der Baubranche haben gezeigt, dass es nicht fünf vor sondern längst fünf nach zwölf ist.

Indes ist erfreulich, dass Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft auch Wege aus dieser Vertrauenskrise eruiert haben. Weniger angenehm allerdings, dass sich Unternehmen noch schwer tun, diese Wege nachzuvollziehen, wie das Fachblatt „Risiko Manager“ konstatiert: „Wie eine Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg aufzeigt, haben 56 Prozent von 500 befragten Unternehmen keine konsistenten Richtlinien und Methoden zur Abwehr von Wirtschaftskriminalität und Durchsetzung ethischer und rechtlicher Standards etabliert. Bei mehr als jedem zweiten dieser Unternehmen steht die Einführung eines Compliance-Programms auch mittelfristig nicht auf der Agenda.“

Dabei hat diese Studie eben auch ermittelt, dass der Leninsche Imperativ „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ längst keine Gültigkeit mehr hat. Vielmehr, das sagen Experten unisono, muss es heißen: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, Transparenz jedoch am besten.“ Zu leisten am ehesten noch durch eine Unternehmenskultur, die sich durch eine niedrige Toleranz gegenüber Regelverstößen auszeichnet im Kanon mit technologisch gestützten Prozesse, die Transparenz fördern und Betrug erschweren.

Welchen Weg, Staat, Unternehmen und Gesellschaft dabei gehen können, zeigt Korruptionsexperte Frank Überall im Interview auf.

„Schmiergelder und Vorteilsgewährungen sind keine akzeptable Ressource“


Wie konnte es überhaupt zu einem solch massiven Pfusch am Bau kommen?

Massiver Pfusch am Bau ist doch keine Seltenheit. In Köln hat man damit Jahrzehnte dauernde Erfahrung. Hier trägt die eigentlich positive Haltung des Klüngels dazu bei, dass die Taten besonders dreist ausgeübt werden. Aus gutwilliger Kooperation und aufmerksamem Netzwerken kann dann schnell Korruption werden. Aber Köln steht da vom Prinzip her nur als Metapher für ähnliche Verhaltensweisen in anderen Städten. Auch Wuppertal, Hamburg oder Frankfurt am Main haben mit veritablen Bauskandalen von sich reden gemacht.

Was den Bau der U-Bahn angeht, so haben die Kontrollen auf breiter Front versagt. Wir haben Korruption und Betrügereien den Menschen seit dem Altertum nicht ausgetrieben – und das werden wir auch nie. Es gehört zu den menschlichen Paradoxien, dass Einzelne oder Gruppen immer auch versuchen werden, einen größtmöglichen Vorteil notfalls mit illegalen Mitteln zu erlangen. Deshalb darf man nicht zu viele Kompetenzen in eine Hand geben: Wer als Bauherr gleichzeitig auch für die Überwachung zuständig ist, wo Behörden aus Personalmangel und falsch verstandenem Bürokratieabbau ihre Aufgaben kaum noch wahrnehmen, ist der Gefahr der Manipulation Tür und Tor geöffnet.

Was sind Ihrer Meinung nach passende Prozesse, damit sich dieser Skandal in Zukunft nicht wiederholt?

Die einzelnen Schritte von Bauvorhaben müssen transparent und überprüfbar sein. Protokolle sind keine billige Pflichtübung, ganz besonders nicht im öffentlichen Bereich. Wo im Namen der Bürger gebaut wird, müssen besonders strenge Maßstäbe eingehalten werden. Auf den ersten Blick mögen Korruption und Betrügereien am Steuerzahler Delikte sein, bei denen Opfer nicht direkt auszumachen sind. Tatsächlich schaden sie der Gesellschaft, der Funktionsweise des Marktes und letztlich auch der Demokratie, indem sie das Vertrauen der Bürger in die Funktionsweise staatlicher Strukturen zerstören. Prozesse müssen dokumentiert werden, um sie überprüfbar zu machen. Gerade bei Korruptionsdelikten ist die Verjährungsfrist mit fünf Jahren so kurz, dass das geringe Entdeckungsrisiko fast zu abweichendem Verhalten verführt. Korruption wird von manchen als wertfrei gleichberechtigte Ressource neben anderen gesehen. Das muss man zur Kenntnis nehmen, um solche Verhaltensweisen aufdecken und bekämpfen zu können.

conject sorgt für mehr Prozess-Transparenz. Geht das in die richtige Richtung?

Alles, was Transparenz befördert, ist dazu geeignet, das enorme Dunkelfeld der Korruption auszuleuchten. Die meisten Fälle bleiben unerkannt. Gleichzeitig müssen aber auch die Mechanismen verändert werden: „Whistleblowing“, also das organisierte Bearbeiten notfalls anonymer Hinweise aus internen Kreisen, verdachtsunabhängige Kontrollen und eine gut ausgestattete Justiz und Polizei sind weitere wichtige Punkte. Lernen kann man da aus meiner Sicht auch von den USA: Der Fall Daimler hat gezeigt, dass Aufklärung unter den Bedingungen der amerikanischen Gesetzgebung ernst genommen wird: Die Firma musste selbst Experten bezahlen, die ohne Rücksicht auf juristische Grenzen das Korruptionsgeflecht untersuchte. Dahinter steckt eine andere gesellschaftliche Haltung zur Korruption als hierzulande. Wir müssen endlich ernst nehmen, dass Schmiergelder und Vorteilsgewährungen keine akzeptable Ressource sind.

Nach Ihren Erfahrungen gefragt: Ist die Bauindustrie besonders korruptionsaffin?
Wenn dem so ist: Woran liegt das? Wie kann man das ändern?

Bauen und Konstruieren in jeglicher Weise sind besonders anfällig für Korruption. Wegen der komplizierten Prozesse, die für Laien kaum einsehbar sind, ist das Entdeckungsrisiko hier eben gering. Sobald eine Firma anfängt, sich solcher illegalen oder zumindest illegitimen Mittel zu bedienen, entsteht eine branchentypische Korruptionsethik: Die Handelnden verdrängen das Bewusstsein, etwas Unrechtes zu tun, reden sich ihr Verhalten schön und rechtfertigen es mit einer subjektiven ethischen Umdefinition. Bei der Auswahl der Mittel für erfolgreiches Wirtschaften in der Baubranche hat Korruption über viele Jahrzehnte eine wichtige Rolle gespielt. Bis Ende der 1990er Jahre waren „nützliche Aufwendungen“ noch von der Steuer absetzbar – eine faktische Legalisierung der Korruption unter dem Deckmantel der staatlichen Wirtschaftsförderung. Wir stehen erst am Anfang eines gesellschaftlichen Diskurses, zu dem Unternehmen, Politiker wie Bürger beitragen müssen. Konzerne wie Siemens, Daimler oder MAN haben bitter erfahren müssen, dass – abgesehen von oft wenig abschreckenden Strafen für Einzelne – Korruption den Betrieb insgesamt gefährdet. Das wird sich herum sprechen und den Bedarf nach Mitteln zur Herstellung von Transparenz erhöhen.

Zur Person:
Dr. Frank Überall ist zurzeit einer der gefragtesten deutschen Experten zum Thema Korruption. Der Journalist und Politologe hält zahlreiche Vorträge zu den Themenschwerpunkten „Klüngel und Korruption“ bei öffentlichen Veranstaltungen, auf Seminaren sowie an Universitäten und Fachhochschulen. Er gilt als intimer Kenner der Vorgänge rund um den Kölner U-Bahn-Bau-Skandal. Er promovierte 2007 zum Thema “Der Klüngel in der politischen Kultur Kölns” (erschienen als Buch im Bouvier Verlag Bonn).


Kommentare

Stefan Wahl

am 14. April 2010 um 12:04 Uhr

Das trifft ganz genau den Zahn der Zeit. Vor allem dem letzten Absatz stimme ich uneingeschränkt zu.

gsohn

am 14. April 2010 um 12:25 Uhr

Es ist schon interessant, was sich zur Zeit in Köln und Bonn abspielt. Merkwürdig nur, wie wenig Aufregung das in der Bevölkerung hervorruft. Die Stadträte müsste man zum Teufel jagen.

ET

am 14. April 2010 um 12:32 Uhr

Ich denke, dass man sich schon aufregt – nur ist die Frage, wie wir das mit kriegen. Das läuft ja schon sehr mediengesteuert, oder?

Ruf nach mehr Transparenz – PodCast -- ILM Forum – Der Blog über Nachhaltigkeit im Immobilien Lebenszyklus

am 15. April 2010 um 15:43 Uhr

[...] PodCast zum Thema Ruf nach mehr Transparenz [...]


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