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Thomas Herter von Arup im Interview: “Die Konzepte müssen im Vordergrund stehen.”

Von Christoph Berger – 28.07.10 – Kategorien: Nachhaltigkeit

Thomas Herter ist Leiter des Berliner Büros des weltweit tätigen Ingenieurunternehmens Arup. Die Büros des Unternehmens auf allen Kontinenten arbeiten sehr eng zusammen und unterscheiden sich durch die Interdisziplinarität von anderen Ingenieurbüros. Egal ob Haustechnik oder Tragwerke oder Fassadenplanung, sämtliche Probleme werden in ihrer Gesamtheit bearbeitet, möglichst mit allen Disziplinen.

Herr Herter, welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in Ihrem Unternehmen und bei Ihren Kunden?
Ich würde sagen, Nachhaltigkeit spielt die erste Rolle. Ove Arup, der leider nicht mehr lebt, hat in den 70er-Jahren, als das Thema noch nicht bekannt war und diskutiert wurde schon eine Schlüsselrede gehalten, in der er sehr deutlich auf die Werthaltigkeit eingegangen ist und in der er letztendlich Nachhaltigkeit gepredigt hat. Das ist eines der ganz großen Themen von Arup.

Wird das in der letzten Zeit verstärkt nachgefragt?
Ja, selbstverständlich. In den letzten fünf, drei Jahren ist ein ganz deutlicher Umschwung zu sehen. Selbst konservativste Kreise sehen inzwischen Nachhaltigkeit als ihr Ziel. Vor 20 Jahren galten wir als Spinner und nun sind wir mittendrin.

Was zählen Sie alles zu dem Begriff Nachhaltigkeit?
Nachhaltigkeit wird heute oft alleine auf das Thema Energie reduziert. Das ist es aber nicht, sondern Nachhaltigkeit zeichnet sich dadurch aus, dass alle Ressourcen betrachtet werden müssen, alle Materialien, alles was wir nutzen, letztendlich der gesamte Lebensraum. Auch die sozialen Komponenten, die Zuwegung von Gebäuden, wie steht das Gebäude, das soziale Umfeld, das im Kontakt steht – letztendlich alles, was auch im Zertifizierungssystem abgefragt wird.

Welche Herausforderungen sehen Sie jetzt noch?
Letztendlich sind wir bemüht, Nachhaltigkeit in alle unsere Aufgaben zu bringen. Nachhaltigkeit ist ein Teil der Philosophie und wir versuchen in jeder Arbeit, die wir einbringen, auch Nachhaltigkeit durchzusetzen.

Wird der Begriff Nachhaltigkeit nicht manchmal auch inflationär genutzt?
Selbstverständlich. Man traut sich das Wort manches Mal schon nicht mehr in den Mund zu nehmen. Aber es ist eine sehr wichtige Sache und genau deshalb machen wir damit auch weiter.

Wie bewerten Sie die momentan überall aufkommende Diskussion über Green Buildings?
Ich setze mich immer dafür ein, dass es nicht nur ein grünes Etikett ist, sondern wirklich Konzepte dahinter stehen, die tiefgreifend und ernst gemeint sind. Ich würde mich nie an einem Konzept beteiligen, das nur als Farce gedacht ist, um irgendetwas anderes zu verdecken. Aber ich begrüße jede Diskussion, die in die Tiefe geht und die wirklich etwas ändern will.

Unterschiedliche Investitionszyklen, uneinheitliche Bauvorschriften und ungewisse Profitabilität von energieeffizienten Technologien: Haben Sie Argumente gegen die Skeptiker?
Das ist ja letztendlich nur eine Herausforderung. Man sollte immer hinter die Dinge schauen, sich nicht an Richtlinien festhalten oder an äußeren Zwängen, sondern wirklich in den Themen, die dahinter stehen, die Kerne herausarbeiten und versuchen damit ein ordentliches Konzept zu machen.

Was halten Sie von Zertifikaten?
Das ist gut und geht in die richtige Richtung – egal ob LEED oder DGNB oder BREEAM, wir sehen das international –, aber man sollte die Zertifizierung nicht als Selbstzweck sehen, sondern immer die Konzepte, die man bei einem Gebäude durchsetzt, die müssen im Vordergrund stehen. Dass man letztendlich zertifiziert und damit auch Marketing macht, ist etwas anderes. Aber ich würde die Betonung auf die Konzepte legen und auf das, was man wirklich umsetzt. Es geht nicht ohne Nachweis und Zertifizierung in unserer Welt, aber die ist nachgelagert.

Wie kann Nachhaltigkeit in die Risikobewertung einbezogen werden, gibt es da Konzepte?
Spontan fällt mir dazu ein, dass wir vielerorts noch Gebäude machen, die einfach unbehaglich sind, die vielleicht einen zu großen Glasanteil haben, die zu viel Wärmeeintrag haben, das ist ein Risiko für die spätere Vermietung. Wir haben dann hohe Betriebskosten, was ein Risiko für den Eigentümer darstellt, weil er seine Immobilie nicht vermietet bekommt. Ein zweiter Punkt, den wir bei unseren Konzepten auch immer betrachten: Wir haben eine globale Erwärmung, die können wir nicht verhindern, wir müssen sie in die Konzepte von heute mit einberechnen und einbeziehen, um diese Erwärmung auch zu berücksichtigen. Letztendlich sollten Naturkatastrophen, zum Beispiel Überschwemmungen, bei der Planung von Gebäuden einbezogen werden. Von daher gehört Nachhaltigkeit in das Risikomanagement.

Hohe Anfangsinvestitionen für Investoren bei Planung und Bau: Wie können diese Kosten im Lebenszyklus einer Immobilie wieder reingeholt, vielleicht auch umgelegt werden?
Wenn man sich überlegt, wo man herkommt, dass gerade in vielen – gerade in der öffentlichen Hand – Bereichen die Investitionskosten und laufende Kosten nicht zusammen betrachtet werden, dann weiß man, wie weit man noch davon entfernt ist, wirklich über Lebenszyklen eines Gebäudes nachzudenken. Wenn man alle Kosten berücksichtigt, die über einen ganzen Zyklus entstehen, sieht die Bewertung der Anfangsinvestition anders aus, als wenn man es singulär betrachtet.

Thema Prozess-Transparenz: Welche Rolle spielt die in der Nachhaltigkeit?
Konzepte müssen einfach und verständlich sein, damit sie auch richtig angewendet werden. Wir haben in der Vergangenheit oft Konzepte in Gebäuden gesehen, die äußerst kompliziert waren, die nicht beherrschbar waren. Man muss versuchen, Konzepte – egal ob Energie oder Nutzung oder Materialien – auf einzelne, wenige Punkte zu reduzieren, um nachvollziehbar zu bleiben.

Herr Herter, ich danke Ihnen für das Gespräch.


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